Alf Rolla - Der Krimimacher

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Das Leben nach dem Sterben

Anriss:

Was wäre, wenn ...

... die Rechtspopulisten in Deutschland die Wahl gewinnen würden.

... die Rechtspopulisten in Österreich immer mehr Zuspruch finden würden.

Ein Albtraum wird wahr! Nur noch die Türkei ist bereit, deutsche Asylanten aufzunehmen - doch die Balkanroute ist dicht. Zwei Rentner aus dem Ruhrgebiet flüchten über den Bodensee in die Alpenrepublik. Denn in der Steiermark gibt eine Kleinstadt, in der noch Flüchtlinge willkommen sind. Doch schnell stellt sich herazu, auch dort sind die nicht sicher.

Die erste Hälfte der Geschichte spielt im Ruhrgebiet (Herne-Sodingen), die andere in Österreich (Graz, Wien, Köflach, Zell am See).
01

„Deutschland ist ein großes Verbrechens-Chaos. Werdet schlauer!“

Normalerweise herrschte in der Cafeteria vom Senioren-Wohnpark Am Ostbachtal in Herne im Ruhrgebiet ein ständiges Kommen und Gehen. Das dreistöckige Haus gehörte weder Staat, Kirche, auch nicht einem anderen sozialen Träger, in diesem Fall war es die private Senioren-Wohnpark AG in Kiel. Ursprünglich war es in den 1950-er Jahren als Lehrlingsheim von Mont Cenis gebaut worden, 1978 wurde es aber nicht mehr gebraucht – die Zeche wurde dicht gemacht. Für zehn Jahre war das Garten- und Friedhofsamt am Ostbachtal eingezogen, dann war die Immobilie als Altenheim mit Einzelzimmern für 152 Senioren auf vier Etagen umgebaut worden. Das Gebäude mit dem Anbau für 40 Demenzkranke liegt an der Straße Auf dem Stennart in einem kleinen, baumbestandenen Naherholungsgebiet am Rande des Stadtteils Sodingen. In unmittelbarer Nähe ist ein Friedhof, und voller Stolz berichtet die Stadt: 1905 ist er entstanden, er hat heute 37.000 Gräber und ist inzwischen über 31 Hektar groß. Etwas aber haben die Kommunalpolitiker in über hundert Jahren nicht erreicht: Offiziell hieß der Friedhof zwar Südfriedhof, aber für die meisten Herner war es immer schon der Wiescherfriedhof, der Haupteingang liegt nun mal an der Wiescherstraße.

Auch an diesem Sonntagnachmittag war die Kaffeestube gut besucht, aber niemand von den Gästen machte heute die Biege, und so sorgten Bewohner und feine Pinkel von außerhalb an den meisten Tischen für lärmende Geschäftigkeit. Doch die Gesichter der Leute spannten sich vor Konzentration, alle starrten mit einem Auge auf ihre Armbanduhren oder den neuen Fernseher, der in der Ecke des Raumes stand. „In wenigen Sekunden wissen wir, wie wahrscheinlich die Bundestagswahl 2018 ausgegangen ist.“ Dann sprach ZDF-Moderatorin Bettina Schausten mit weit aufgerissenen Augen über die Wahlbeteiligung, die offenbar in den deutschen Großstädten erschreckend niedrig gewesen war. Anschließend sagte sie noch etwas, was aber im Stühlerücken in der Cafeteria unterging.

Der Mann, der alleine am Tisch hinten links saß, hieß Anselm Borgmann. Er war unruhig, streckte seine Arme über den Kopf und dachte: Verdammte Scheiße! Aber es überrascht mich nicht! Die Stimmung war gegen die etablierten Parteien. Manche Leute sind gar nicht erst zur Wahl gegangen. Wie sieht es wohl in Herne aus? Wer weiß? Der Mann mit den schütteren Haaren war ein Bewohner des Heims: 63 Jahre alt, 190 cm lang, seit Jahrzehnten 80 Kilo schwer und Journalist von Beruf.

Es wäre jetzt, theoretisch gesehen, der richtige Zeitpunkt, um Klischees vom Journalisten zu verbreiten, der um die Welt reist und ständig schöne Mädchen im Arm hält.

Nicht so dieser Mann. Seine berufliche Karriere hatte einst bei den Ruhr Nachrichten mit Berichten über Ratssitzungen in Wattenscheid oder Auftritte von René Carol in einem Dattelner Altenheim und Willy Schneider in der Waltroper Stadthalle begonnen. Nach dem Volontariat war er zu einer Nachrichtenagentur in Köln gegangen, dort hatte er bald vierzig
Jahre nur am Schreibtisch gesessen und war alleine in Urlaub ins Sauerland, ins holländische Texel oder später auf die Ostseeinsel Usedom gereist. Sein Arbeitsleben hatte aus Nachrufen! Nachrufen! Nachrufen! bestanden. Was heißt das? Anselm Borgmann hatte über die Jahrzehnte bei der Agentur nur Nachrufe auf Prominenten geschrieben, die zwar sehr alt waren, aber zu diesem Zeitpunkt noch lebten. Seine Texte waren in einen Aktenschrank und später auf die Festplatte eines Computers gekommen. War nun der Prominente verstorben, wurde das Todesdatum hinzugefügt, und die Nachrufe gingen schon Minuten später an die Zeitungsredaktionen. Anselm Borgmann war nie die Karriereleiter emporgestiegen, sondern hatte im Laufe der Zeit stets gewissenhaft seine Berichte recherchiert und geschrieben: eben Nachrufe! Nachrufe! Nachrufe!

Sein neunundfünfzigster Geburtstag hatte die Wende gebracht, ihm war mit mit einem Mal klar geworden, dass ein Mann in seinem Alter irgendetwas haben sollte: eine Familie, ein eigenes Buch oder Verantwortung im Job. Aber nichts hatte auf ihn zugetroffen, tippte er doch ständig Nachrufe und träumte von politischen Hintergrundberichten. Weil er sie aber nicht schreiben durfte, hatte er sich immer öfter nach seiner Pensionierung gesehnt. Denn er wusste, seine Chancen, in diesem Beruf noch Karriere zu machen, tendierten gen null. Ein Schlaganfall hatte schließlich seinen Wunsch in Erfüllung gehen lassen.

Auch heute wieder hatte der Junggeselle beim Griff in den Kleiderschrank seinen ganz persönlichen Dresscode bevorzugt: ausgebeulte Jeans und ein verwaschenes T-Shirt, das sich nach Meinung einiger Beobachter ein Zubrot als Kartoffelsack verdiente. Im Winter tauschte er übrigens die T-Shirts gegen gegen einen schwarzen Rollkragenpullover aus, von dem man annahm, er sei bei einer Altkleiderausgabe vom Roten Kreuz in der Sahelzone liegengeblieben. Wenn es stimmt, dass Kleider Leute machen, dann war Anselm Borgmann nicht zu helfen. Seine Klamotten machten ihn in jedem Fall älter, als er in Wirklichkeit war.

Gedankenverloren nahm er jetzt sein Handy in die Hand. Fast wäre es hingefallen, doch es gelang ihm, das Gerät mit dem Logo vom angebissenen Apfel auf der Rückseite blitzartig aufzufangen. Er steckte es wieder ein, weil er wusste, dass es wohl niemanden gab, der ihn heute anrufen würde, und auch es auch niemanden gab, den er jetzt sprechen wollte.

Einige Minuten später ertönte ein Gong aus dem Lautsprecher: Es war genau 18 Uhr, der Lärm im Raum verstummte und einige Leute legten ihre Hand ans Ohr, um besser zu hören, was da in der Stunde Null passierte. Co-Moderator Matthias Fornoff machte im Wahlstudio im Berliner Reichstag mit seiner Hand ein Zeichen und die in Kompaniestärke angetretenen Fotografen richteten ihre Objektive auf eine Grafik, auf der das Ergebnis der ersten Umfrage stand: „Christliche Partei Freies Deutschland (CFD) 41 Prozent, CDU/CSU 16 Prozent, SPD 14 Prozent. Grüne, Die Linke und FDP spielen voraussichtlich im neuen Bundestag keine Rolle mehr, sie kommen auf 4,9, 4,1 und 4,0 Prozent. Sonstige 7 Prozent, ungültige Stimmen 9 Prozent. Und das bedeutet, dass Union und SPD in die Opposition gehen müssen.“ Seine Stimme war mit jeder Silbe eisiger geworden, dabei bildete das Ergebnis keine Überraschung für ihn. Um 16 Uhr hatten die Journalisten bereits einen Trend von den Meinungsforschern erfahren. Das darf wohl nicht wahr sein, dachte dagegen Anselm Borgmann.

Das darf wohl nicht wahr sein, dachte dagegen Anselm Borgmann.

War es aber: Christliche Partei Freies Deutschland (CFD) 41, SPD 14 Prozent.

Bei allen Wahlen waren die Sozialdemokraten hier im Haus schon immer nur auf schlappe fünf Prozent gekommen. Ohne die Stimme von Anselm Borgmann wäre es allerdings noch etwas schlechter ausgefallen. Und noch etws tat ihm verdammt gut. Im Gegensatz zu den Redaktionen, wo das Durchschnittsalter irgendwo zwischen 25 und 40 lag, waren hier die meisten Bewohner über 75, und er fühlte sich als junger Spund.

Was aber für ihn mehr als schockierend war, war diesmal der deutliche Sieg der Rechtspopulisten. Er rieb sich die Augen, schob sein Kinn vor und schaute noch einmal zum Fernseher, wo noch immer die Grafik zu sehen war. Die Zukunft sah nicht rosig aus. Ihm hob sich der Magen. Wann würde das Leben in Deutschland wieder in geordnete Bahnen kommen?

02

„Endlich haben wir es der Lügenpresse gezeigt.“

Anselm Borgmann schaute nach draußen: Die weißen Wolken schienen sich über dem Ostbachtal zu senken und ineinander überzugehen. Der Rentner fühlte sich noch immer aufgewühlt, aber auch irgendwie erschöpft, wenn er an das Wahlergebnis dachte. Um sich ein wenig zu entspannen, stülpte er sich die Kopfhörer seines mp3Players über die Ohren, schloss die Augen und hörte sein Lieblingsstück, die Kinderszenen von Robert Schumann. Nach ein paar Sekunden fiel ihm das Gespräch ein, das er heute Mittag im Speiseraum geführt hatte. Sein Tischnachbar Ludwig hatte ihn gefragt, was denn sein Liebesleben so mache. Er hatte ihm geantwortet, dass er seit einiger Zeit ein Leben führe, als sei er an den Zölibat gebunden ... Na ja, das war vielleicht - aber eben nur vielleicht - etwas übertrieben, dachte er zumindest jetzt, schmunzelte und öffnete wieder die Augen.

Augenblicke später verging ihm das Lachen. Er führte sich wieder vor Augen, was er vorhin gesehen hatte: Christliche Partei Freies Deutschland (CFD) 41 Prozent ...

Wut überfiel ihn.

Was ist an dieser Partei christlich?

Nichts!!!

Der Gedanke, dass seine Eltern ausrasten würden, hatte ihn mit 18 Jahren dazu gebracht, aus der Katholischen Kirche auszutreten. Denn sie waren in der St. Konrad-Gemeinde in Herne-Constantin ehrenamtlich aktiv. Dass das Verhältnis des Jungen zu seinen Eltern nicht besonders harmonisch war, lässt sich erahnen.

Auch wenn er manchmal an Gott glaubte, in ihren Augen blieb er zeit ihres Lebens ein Unchrist. Hier im Hause war er der Atheist, denn man wusste, einer Kirche gehörte er nicht an.

Um seine Augen bildeten sich erneut Lachfältchen.

Is so.