Alf Rolla - Der Krimimacher

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Liebe 2.0 - Verliebt in den eigenen Klon

Am Anfang war es nur ein Traum:

Von einem Airport in der Dattelner City gehen Flüge zum Mars

In Castrop-Rauxel starten Züge nach Amerika

Ein Kölner Student verliebt sich in seinen eigenen Klon, der in einem Kloster in Witten lebt.


Aber 2040 wird er regelrecht zum Albtraum:

Nach einer großen Flut liegt Münster am Strand der Nordsee

Ganz Deutschland ist eine Diktatur

Immer öfter kontrollieren Roboter die Menschen

Ausgerechnet eine 90-Jährige führt in der kleinen österreichischen Stadt Köflach den Widerstand gegen das deutsche Regime an, der später als „Wittener Aufstand" in die Geschichte eingehen wird.

Mag in diesem Roman möglicherweise nicht alles stimmen, aber alles ist wahr!
01

Dienstag, 7. August

In Köln zu leben ist nicht immer angenehm, dachte Ben Kratzenstein, als er aus dem Fenster seiner Wohnung im 33. Stock des weiß getünchten Hochhauses am Carl-Diem-Weg im Stadtteil Junkersdorf blickte. Das Haus war gesichtslos und nicht eben beliebt bei den Bewohnern, die aus aller Welt kamen. Manche Leute nannten es Turm, Turm von Babylon, um genau zu sein. Alle Appartements waren mit 32 Quadratmetern nicht eben groß, aber es musste fürs Erste reichen. Mittelpunkt der Wohnung von Ben Kratzenstein war sein hochmoderner Computer von der Größe einer Streichholzschachtel. Natürlich hatte sein Computer keine Festplatte mehr, sondern speicherte alles im Cu:net, das vor einigen Jahren das Internet abgelöst hatte. Die visuelle Tastatur wurde auf dem Tisch eingeblendet, als Bildschirm diente eine Wand.

Das technische Meisterwerk der Neuzeit ließ sich mit dem Gedankenleser steuern, der sich in einem kleinen Chip unter seiner Haut befand. Aber er funktionierte nur, wenn man vorher die richtigen Codes (HC und LP) nannte. Mit HC war der 12-stellige Humancode gemeint, den jeder Bürger ein Leben lang behielt. Er musste in Gedanken aufgesagt werden, dagegen durfte man den Lineupcode (LP) laut nennen. Er war 10-stellig und wahrlich kein Geheimnis, denn er war auf der Vorderseite eines jeden Computers angebracht. Mit diesem zusätzlichen Code sollte verhindert werden, dass die Gedanken auf andere Rechner in der Nähe übertragen wurden. Das klappte auch immer. Na ja, sagen wir lieber, fast immer. Noch nicht alle technischen Geräte ließen sich so steuern, einige waren noch nicht umgestellt worden und brauchten ein konventionelles Funksignal.
Ben Kratzenstein kannte sich mit beiden Möglichkeiten aus. Er war ein mittelgroßer, etwas übergewichtiger Mann von 28 Jahren mit eng zusammenstehenden Augen. Ein mediterraner Typ war er, einen Teil seiner pechschwarzen Haare hatte er in den letzten fünf Jahren aber schon verloren. Und zwar, weil er als trotziger Junge die Pille gegen Haarausfall nicht geschluckt hatte. Als Ausgleich für die fehlende Haarpracht hatte er sich kürzlich ein Kinnbärtchen zugelegt, außerdem trug er meistens eine schwarze Reitsport-Mütze. Der Junge war bei seiner Mutter aufgewachsen, mehrfach hatte er sie schon nach seinem Vater gefragt. Immer hatte sie geschwiegen, nur einmal hatte sie einen Moment nachgedacht und dann erzählt.

Ihren ehemaligen Liebhaber hatte sie als Mann geschildert, der jeden Morgen acht Kilometer gejoggt war, bevor er seinen Dienst bei der Europäischen Weltraumbehörde angetreten hatte. Dass er nur selten dem Alkohol zusprach, war bekannt gewesen. Nicht so bekannt, waren seine Schattenseiten. Er hatte von einer Sekunde zur anderen ausrasten und sein Gegenüber zur Schnecke machen können. Die Beziehung zu Bens Mutter war für ihn nur ein Techtelmechtel gewesen, das er im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft beendet hatte. Was ihn nicht davon abgehalten hatte, seinem Sohn seit dessen Geburt jeden Monat den ihm zustehenden Unterhalt zu überweisen. Monatlich 1900 Doros flossen auch nach dem Tod seines Vaters regelmäßig jeden Monat auf Bens Konto, dafür sorgte ein Passus in seines Vaters Testament. Und auch wenn Kratzenstein das monatliche Salär versteuern musste – es war Geld, für das er nicht arbeiten musste und mit dem er gut auskommen konnte, wenn er ein wenig sparsam lebte.
Die Stadt unter ihm lag heute in einem Schleier aus Grau. Er vermutete, dass wie immer bei diesem fiesen Wetter, der Verkehr auf der achtspurigen Aachener Straße heftig und stockend sein würde und die Wagen nur noch im Schneckentempo fuhren. Passend zur rheinischen Weltuntergangsstimmung, machte er wieder einmal einen Spagat. Einerseits hatte sein fieberhaftes Suchen nach einer Freundin etwas vom Kreisen der Geier über eine Prärie im Wilden Westen, andererseits war er sich sicher, heute mal wieder seinen Fluchtplan umsetzen zu müssen.
Dieser Gedanke ging ihm durch den Kopf, als er sich umdrehte, die Fernbedienung für den Wasserhahn in die Hand nahm und das Absperrventil aufdrehte. Schon einige Sekunden später lief eiskalte Pepsi aus dem Hahn. Genüsslich trank er die Brause, stillte so seinen Durst – dann konnte er nachher schneller abhauen! Mit elektrisierender Panik im Körper zog er seine ausgefransten, verblichenen Jeans und ein weißes T-Shirt an, setzte in Zeitlupe seine schwarze Reitsport-Mütze auf, dachte 3-4-5-0-7-1-9-5-3 und verließ seine Wohnung. Der Code sorgte dafür, dass die Tür zu seinem Basislager abgeriegelt, die Alarmanlage eingeschaltet und ebenfalls der gläserne Fahrstuhl gerufen wurde.
Bei seiner Nervosität konnte man meinen, er sei mit dem antiquarischen Hannibal Lecter verabredet, tatsächlich jedoch würde er gleich an der Fassade des Gebäudes entlangrasen und in null Komma nichts zu einem Date mit Melinda Braunsfeld gelangen. Während er auf den Aufzug wartete, betrachtete er ihren Namen von jeder Seite und kam zu dem Schluss, dass er ihn nicht mochte. Melinda … wie altmodisch. Er würde nicht pünktlich erscheinen – na und? Sollte sie doch auf ihn warten. Egal.
Melinda war, wie er, Student der Europäischen Sporthochschule, die direkt gegenüber vom Wohnturm lag. Angesichts der Blitze, die über der Sporthochschule den Himmel spalteten, kamen ihm Bedenken, ob heute der richtige Tag für ein Date sei. Sein Herz klopfte wild, und er überlegte, wieder in seine Wohnung zu gehen oder einfach fluchtartig das Haus zu verlassen. Sollte er mal nach Pulheim fahren? Oder nach Brauweiler oder Frechen?
Egal. Hauptsache weg!? Er wusste aber auch, wenn er jetzt nicht zu der Verabredung ging, war er ein Feigling. Und Feiglinge kamen in den Augen der meisten Leute gleich nach den Petzern. Dazu kam, dass das Lokal direkt neben der Eingangshalle lag, und von den meisten Plätzen konnte man die vier Aufzüge sehen. Also schob er seine Fluchtgedanken beiseite und sagte sich. Ben, du bist doch kein Feigling! Er schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Ben, du bist doch kein Feigling!
Der Fahrstuhl kam jetzt, die Aufzugtür faltete sich zurück und er konnte einsteigen. Als er merkte, dass die Kabine leer war, wich sein angedeutetes Lächeln sofort einer bösen Miene. Während der kurzen Fahrt biss er die Zähne zusammen und schlug einige Male heftig gegen die Aufzugwand ... Okay. Also schön. Neun Semester hatte der 28-Jährige in Köln Psychologie sowie Sportmanagement & Kommunikation studiert und vor einer Woche seine Abschlussarbeit zum Thema Analyse der Einflussfaktoren auf die Werbewirksamkeit von Leistungssportlern unter besonderer Berücksichtigung des sportlichen Erfolgs im Vergleich zur Popularität einer Sportart geschrieben. Stimmte seine Analyse, wofür alles sprach, würde er sich in zwei Monaten um eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent an irgendeiner Uni bewerben können. Solange würde er noch das Ergometertraining mit Herzpatienten leiten - das war eine Art Fahrradfahren im Darkroom (wie der schwarzgestrichene Raum von den Studenten genannt wurde) unter fachlicher Leitung. Die zehn Männer und Frauen in seiner Gruppe hatten etwas, das die meisten anderen Menschen nicht hatten: ein Kunstherz. Der Rüffel des Schicksals war bei ihnen nicht ins Leere gegangen. Nach einem Herzinfarkt war ihr krankes Organ sofort - wie es in der heutigen Medizin üblich war – gegen einen High tech-Apparat von der Größe einer Batterie ausgetauscht worden.

Das hieß aber nicht, dass man diese Menschen in Watte packte. Zweimal in der Woche mussten sie sich in der Europäischen Sporthochschule das Rüstzeug zum Weiterleben holen. Beim Fahrradfahren keuchten und schwitzten sie ganz schön, sie spürten, wie ihr Kunstherz auf Touren kam, und ständig wurden Puls, Blutzucker, Cholesterin und Blutdruck kontrolliert. Unter der Haut steckte ein kleiner Chip, der diese Werte sammelte und mit allem Drum und Dran dem Computer beim Hausarzt übermittelte. Mit diesem Chip ließen sich auch Bewegungsprofile erstellen. Doch das war illegal. Noch. Ganz legal dagegen konnten diese Daten in der Europäischen Sporthochschule von den Therapeuten gelesen werden. Zehn Therapeuten gab es, zwei davon hießen Ben Kratzenstein und Melinda Braunsfeld.
Zwar hatte sie eine freundliche Art, dachte er beim Verlassen des Fahrstuhls, aber … ihr Äußeres erschöpfte sich in tiefen Krähenfüßen in den Augenwinkeln, einem aufgedunsenen Gesicht und einer pummeligen Figur, was allerdings mehr mit ihren Genen als den mangelnden Besuchen in einem Fitnessstudio zu tun hatte. Und … Herrgott. Vermutlich war sie noch in den Zwanzigern, sah aber um einiges älter aus. Dazu kam, dass ihre blasse Haut fast durchschimmernd wirkte. Nie(!) benutzte sie ein Parfüm, sondern bevorzugte nur Seife. Für einige Männer war das möglicherweise sogar attraktiv, aber nicht für ihn.
Seine schlechte Laune blieb nur mit Mühe unter der Oberfläche, als er das Ostello betrat. Zu dieser Tageszeit war das Lokal relativ leer. Es war nun mal vom Friedensamt für Nationale Sicherheit als Treffpunkt für Studenten bestimmt worden. Und die meisten Studenten hatten jetzt noch nicht … Feierabend oder ausgeschlafen – je nach Sichtweise.

(......)

An der Bar saß ein Mann mit schwarzem Haar, das sehr dicht war. Der Typ war mittelgroß, etwas übergewichtig und hatte eng zusammenstehende Augen. ein mediterraner Typ. Gelangweilt nuckelte er an einem wässrigen Drink.
Vielleicht war es die Fassungslosigkeit, die von Ben Kratzenstein Besitz nahm, jedenfalls stand er nur da und starrte sein Ebenbild an. Seine Augäpfel traten aus den Höhlen, als sich der andere geheimnisvoll vorbeugte und sein Kinnbärtchen kratzte.
Er kannte die Geste nur zu gut – es war seine Geste.
Es war ihm unmöglich, den Blick zu wenden. Erschüttert von der Szene, die sich ihm bot, verkümmerten seine Lippen zu zwei blutleeren Strichen, und er musste sich daran erinnern, den Mund zuzumachen. Geistesgegenwärtig machte er mit seinem Siegelring ein Foto von dem Mann.
Anschließend stand er wieder sekundenlang wie gelähmt da, am liebsten hätte er ihn angefasst, um das Unmögliche zu begreifen. Aber dann redete er sich ein. Das muss ein Spiegel sein, ja, eine optische Täuschung.
Mit einer Riesenanstrengung gelang es ihm, sich von dem Anblick loszureißen und die Beine in die Hand zu nehmen.
Aber sein Herzschlag beruhigte sich erst wieder, als er den Flur durchquert hatte und das Ostello hinter ihm lag.
Es hatte keinen Sinn, noch einmal zurückzugehen und den anderen anzusprechen. Außerdem hatte er Angst vor dem, was er bei einem solchen Gespräch gewahr werden könnte.
Zum Glück stand der Aufzug unten. Als er eingestiegen war und sich die Türen schlossen, stieß er erleichtert die Luft aus. Während der Schneckenfahrt nach oben stand Schweiß auf seiner Stirn, mehrfach schüttelte er den Kopf, als wäre er aus einem Albtraum erwacht. Er trat von einem Fuß auf den anderen, und das Metall der Kabine spiegelte seine blutunterlaufenen Augen wider – sie bezeugten Schreckliches, das er gesehen hatte.
Beim Aussteigen zitterten seine Knie so stark, dass seine Hose schlotterte. Erleichtert stellte er fest, dass auf dem Flur niemand zu sehen war und rannte er zu seiner Wohnung. Während er den Code eingab, schoss ihm eine Frage durch den Kopf. Habe ich einen Bruder, von dem ich nichts weiß? Ja, verdammt, das war es … Oder nicht?
Weil er keine eindeutige Antwort fand, nahm er sich vor, für heute alle Emotionen auszublenden. Das Letzte, über das er sich Gedanken machen würde, war sein Doppelgänger.

Basta!

Doch das Einzige, über das er sich in den nächsten Stunden Gedanken machte, war …

… sein Doppelgänger.


Montag, 13. August

Ben Kratzenstein schaute aus dem Fenster seiner Wohnung. Unter ihm sah er die flirrende Hitze auf der Aachener Straße. Immer wieder blickte er auf die Stelle seines Fensters, auf der die Uhrzeit eingeblendet wurde. Es war zwölf Uhr fünfzehn … zwölf Uhr sechzehn … zwölf Uhr siebzehn …
Man konnte meinen, dass er etwas Wichtiges vorhatte.
Hatte er auch!
In ein paar Stunden würde er seinen neuen Job antreten.
Aber jetzt wollte sich der Student entspannen – und an nichts denken.
Allerdings war dieser Versuch ganz schön schwierig, da er sich konzentrieren musste. Und das machte ihn nervös. Darum beschloss er, sich lieber auf die Frage zu konzentrieren, wie er nachher von Köln nach Datteln kommen würde. Sollte er einen Hubschrauber oder das Rail-Taxi nehmen? … Hmmh … Vielleicht würde ihm beim Mittagessen die Antwort einfallen. Und wenn nicht … dann würde er den Deci um Rat fragen. Wofür gab es schließlich den Entscheidungsapparat im Erdgeschoss?

Vor jeder Wirklichkeit steht ein Traum – manchmal aber auch ein Albtraum.

Ben Kratzenstein ging in Richtung Tür. Dort hielt er sein CanDy vor den Bestellpunkt neben dem Rahmen, dachte an seinen 12-stelligen Humancode (HC), sagte den 10-stelligen lineup und brummte „33 und 18". Er dachte an 100 Doros und Essen. In genau einer Minute würde das Geld von seinem Konto abgebucht werden und aus dem Schacht fallen.
Eine Minute später würde sein Mittagessen folgen: zwei Pillen.
Zu dem Geschmack einer Pizza mit türkischer Knoblauchwurst würde sich eine grüne Salat-Pille mit dem Geschmack von Mais, Tomaten, Karotten, Gurken, Hähnchenbrust und Käse gesellen. Alles würde von seinem Konto abgebucht werden. Dann nahm er ein Glas aus dem Schrank, ging zu seinem Wasserkran, drückte die 4, und im nächsten Moment kam aus der Leitung das angeforderte Cola-Orangenlimonade Mixgetränk. „Lecker", sagte er zu sich selbst und nickte stumm.
In diesem Moment klingelte es an der Tür, was ihn nicht weiter überraschte.


Diiieee – düüüh – daaah
Er lachte innerlich, während er seelenruhig weitertrank. Schließlich klingelte es um diese Zeit sehr oft. Es waren Hinz oder Kunz, die nicht viel von ihm wollten. Nur eine Runde klinken.

Diiieee – düüüh – daaah
Das trostlose Klingeln hörte einfach nicht auf.
Schon immer hatte er sich vorgenommen, es einige Male klingeln zu lassen, wie es sich für einen Mann gehörte, der nicht allzu begeistert erscheinen wollte. Endlich konnte er mal sein Vorhaben in die Tat umsetzen.

Diiieee – düüüh – daaah
„Mein Gott, da hat es aber jemand eilig", murmelte Ben Kratzenstein in sich hinein – ohne eine Spur von Begeisterung. Er war heute für jeden da, na ja, außer für Melinda Braunsfeld.

Diiieee – düüüh – daaah

Beim Gang zur etwas mitgenommen aussehenden Tür wuchs mit jedem Schritt seine Zuversicht ... Endlich kommt mal jemand. Und auch seine Neugierde wurde größer, wer denn von ihm was wollte. Seine Hand lag schon auf der Klinke, als ihm ein Gedanke kam ... Vielleicht waren das doch nicht Hinz oder Kunz ... Also drückte er auf seinem CanDy die View-Taste und warf dem Gerät einen merkwürdigen Blick zu. Auf der Wand neben der Tür erschien das Bild der Überwachungskamera, und im nächsten Moment kämpften schieres Entsetzen und kalte Angst um die Vorherrschaft auf seinem Gesicht.
Sein Herz schlug so laut, dass er nur mühsam verstand, was der Mann auf der anderen Seite der Tür sagte: „Nun, Ben, mach endlich ...”
Die Stimme klang ungeduldig.


Sie klang wie ...

24

… seine eigene Stimme.
Es war sein Doppelgänger!
Mein Gott!
Sollte er die Polizei anrufen?
Und dann? Was sollte er ihnen überhaupt sagen? Dass sein Doppelgänger vor der Tür steht?
Die Bullen würden ihn nur auslachen.


Diiieee – düüüh – daaah
Die Zeit schien stehenzubleiben. Und er hatte das Gefühl, durch die Tür von einem bohrenden Blick aufgespießt zu werden. Leider konnte er nicht die Zeit zurückdrehen und wieder ins Ostello gehen, um herauszubekommen, wer sein Doppelgänger war.

Diiieee – düüüh – daaah
Ben Kratzenstein wollte zurück in seine Wohnung gehen, doch seine Beine waren plötzlich kalt und gelähmt. Er musste was tun. Aber was? …
Der Moment zog sich unerträglich in die Länge.
„Ich hab‘s”, jubelte er einige Sekunden später.
Ja, man muss nur eine gute Idee haben, dann gibt es für jedes Problem eine Lösung. Oder?


Vor jeder Wirklichkeit steht ein Traum – manchmal aber auch ein Albtraum.

Aber die Vorstellung, wie Til Schweiger zu sprechen, vertrieb seine Angst. Dann würde der Unbekannte einfach verschwinden, wie er erschienen war.

„Belästigen Sie mich nicht!” Er wollte auf Nummer sicher gehen. „Oder wollen Sie vielleicht nur ein Autogramm haben? Morgen habe ich eine Signierstunde bei Hellberg in Köln.”
Ha!
Aber schon im nächsten Moment kam sein Herz ins Flattern, denn die Antwort schoss zurück wie eine zuschnappende Falle.
„Ich weiß, dass du es bist, Ben. Hör mit dem Voice-Controler auf. Mach lieber die Tür auf.”
Ben Kratzenstein spürte, wie ihm der Schweiß herunterlief und ihm fiel sofort sein Mantra ein.

Vor jeder Wirklichkeit steht ein Traum – manchmal aber auch ein Albtraum.

Und hinter der Angst verbarg sich noch etwas … Wut.

Diiieee – düüüh – daaah
Angst zu haben, das war eine Sache, aber sich hinter einer Tür in die Hose zu scheißen – ein schreckliches Bild -, war noch etwas anderes.
„Ich komme”, rief Ben Kratzenstein mit seiner eigenen Stimme und schob trotzig die Unterlippe vor. Er setzte eine gezierte Miene auf und ging langsam zur Tür, als befinde sich etwas Gefährliches auf dem Flur. Schließlich hatte er die Tür erreicht … und er drückte entschlossen die Klinke herunter.

Wann, wenn nicht jetzt?

25

Der Grat zwischen Mut und Entsetzen ist schmal. Manchmal dauert er nur Bruchteile von Sekunden. Der Anblick war geradezu unheimlich, Ben Kratzenstein erstarrte vor Entsetzen, und er hörte sein Blut in den Ohren rauschen. Panik vor dem Unvorstellbaren erfasste ihn. Ein Mann trat aus dem Schatten und bewegte sich auf die Tür zu. Er war knapp 30 Jahre alt, mittelgroß und etwas übergewichtig. Er sah exakt so aus wie er selbst – hinzu kam, sein Doppelgänger (oder war es doch sein Bruder?) trug die gleichen Klamotten wie er.
Sollte das ein Witz sein? Natürlich wusste er, dass dem nicht so war.

Vor jeder Wirklichkeit steht ein Traum – manchmal aber auch ein Albtraum.

Die Situation war alles andere als erheiternd. Ihm war, als ob seine ganzen Gedanken aus dem Kopf geschrumpft waren. Wäre er seinem Doppelgänger nicht schon einmal im Ostello begegnet, hätte ihn nicht soeben sein CanDy vorgewarnt, es würde ihn jetzt ein Herzinfarkt treffen. Vielleicht sogar zwei ...
Regungslos stand der Student da, seine Miene wurde immer entsetzter, wie man das nur aus Filmen kennt, wenn der Hauptdarsteller einen Zombie sieht. Er stieß einen hohen Laut aus und stammelte:
„Ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll.” Er hatte es geschafft, einen ganzen Satz von sich zu geben. Der andere verzog das Gesicht zu einem Begrüßungslächeln.
Nein, das war kein Spiegel, sondern der real gewordene Albtraum! Insgeheim hoffte er auf ein Wunder.

„Heilige Scheiße”, brach es aus ihm heraus, als keines passierte. „Ich glaube, ich spinne.”
„Frieden. Vielleicht sieht es so aus”, sagte sein Gegenüber. „Aber ich kann dich beruhigen, du spinnst nicht.”
„Ähm … Frieden. Ja, wahrscheinlich hast du recht.” Ben Kratzenstein stimmte ihm nur ungern zu. Lieber hätte er gesagt, verschwinde auf der Stelle. Aber dem war nicht so, zu groß war seine Neugierde: „Wer … wer bist du?”, stotterte er.
„Ich bin dein ...” Der andere brach ab.
„Was ist los?” Ben Kratzenstein, dessen Gesicht wieder eine halbwegs normale Farbe angenommen hatte, wartete auf eine Erklärung. Als sie nicht sofort kam, wiederholte er seine Frage: „Was los ist?” „Irgendwo auf dem Flur ging gerade eine Tür auf. Andere Leute müssen ja nicht unbedingt mitbekommen, was wir zu besprechen haben.”

Vor jeder Wirklichkeit steht ein Traum – manchmal aber auch ein Albtraum.

„Klar”, reagierte der Student trotzdem, machte die Tür weit auf und trat einen Schritt zurück, um seinem Doppelgänger Platz zu machen. „Na, denn rein”, lächelte er, obwohl er alles weiß Gott nicht komisch fand. Hinzu kam, dass er den anderen auf Anhieb irgendwie sympathisch fand.
„Du hast sicher schon gespürt”, sagte sein Gegenüber, „dass ich keine Bedrohung für dich bin.” Er bekam keine Antwort, und die Männer gingen hinein. Ben Kratzenstein wäre gerne voran gegangen, doch seine Beine zitterten so sehr, dass er sich nicht traute. Nach einigen Sekunden gelang es ihm, einen Schritt vor den anderen zu setzen.

Trotzdem erinnerte sein Gang an einen gefassten Einbrecher, der einsah, dass jeder Widerstand zwecklos war. Hatte der andere etwas bemerkt? Jedenfalls ließ er sich nichts anmerken. Ben Kratzenstein schob ihn zu einem Stuhl, er selbst nahm auf dem Sofa Platz und sagte:
„Du wolltest mir gerade was über dich erzählen.”
„Die Frage ist nur, ob es überhaupt viel zu erzählen gibt.” Der Mann hatte eine etwas gehemmte Art zu reden, als müsse er die Worte erst aus seinem Körper herauspressen.
„Fang am besten an. Ich höre.”

Vor jeder Wirklichkeit steht ein Traum – manchmal aber auch ein Albtraum.

„Um es kurz zu machen”, begann der Besucher, „ich bin dein Klon.”