Alf Rolla - Der Krimimacher

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Ein Mord ist keine Lösung

An diesem Abend war es Oliver nicht wichtig, schnell nach Hause zu kommen. Er wünschte, er hätte bei seiner Mutter mehr Engagement gezeigt und sie überzeugt, über ihren Schatten zu springen und den ungewöhnlichen Versuch zu starten, einen weiteren Teilhaber zu suchen. Wenn seine Pläne wirklich so einschlagen würden, wie er sich erhoffte, dann würde der Emscher-Merkur in der Zukunft glänzend aufgestellt sein. Und wenn nicht? Sofort musste er an seinen Vater denken, der sich immer in argwöhnisches Schweigen gehüllt hatte, wenn er ihm neue Konzepte für den Verlag vorgelegt hatte. Dieses Schweigen hatte sein Selbstvertrauen mächtig angekratzt, mehr noch seines Vaters Gesichtsausdruck, in dem zu lesen war: Der Emscher-Merkur kommt sehr gut ohne dich aus.
Aber Hotte und die Regentin waren nicht die einzigen Menschen, die Oliver Schlüter beschäftigten. Er musste auch an seine Frau Jessy denken – heute Morgen hatte es richtig Zoff mit ihr gegeben. Und das war wirklich das Letzte, was er gebrauchen konnte. Wenn sich schon in der Firma heftige Turbulenzen ankündigten...

Letzte Nacht hatte er wieder einmal schlecht geschlafen – anders gesagt: Er hatte kein Auge zugekriegt. Morgens beim Frühstück hatte er Jessy davon erzählt. “Vielleicht solltest du mal zum Arzt gehen und dir was verschreiben lassen, was dich ruhen lässt.” Sein erster Gedanke war: Jessy macht sich über mich lustig! Denn er wusste, dass sie Arztbesuche und die Schulmedizin seit ihrer Therapie hasste, stattdessen schwor sie auf Heilpraktiker, Homöopathie und traditionelle chinesische Medizin (TCM). Und diese Frau gab ihm plötzlich den Rat, zum Arzt zu gehen und sich „was verschreiben zu lassen“ – das konnte nicht wahr sein! Er hatte sich gefragt, was das Ganze sollte, wollte sie – aus welchen Gründen auch immer – einen Streit vom Zaune brechen? Und dann war da noch der Gesichtsausdruck, den er so gut kannte: Ich komme sehr gut ohne dich aus. Sie hatte gesagt: “Oliver, du hast dich verändert.” Das stimmte natürlich nicht – sie hatte sich verändert! “Ich bin dir vollkommen gleichgültig!”, hatte er gebrüllt und dann noch gespürt, wie er einen heißen Kopf bekam, der sicher ganz rot war. Ob aus Scham, aus Ärger oder aus einer Mischung aus beidem, das wusste er nicht mehr. Nur, dass er aus der Wohnung mit den Worten gelaufen war: “Fahr zur Hölle!” Jetzt war er sich nicht mehr sicher, ob sie sich wirklich über ihn lustig gemacht, oder ob sie sich nicht nur einfach auf ihn eingestellt hatte, weil sie wusste, dass für ihn Heilpraktiker, Homöopathie und traditionelle chinesische Medizin einfach nur Spökenkiekerei waren. Oliver Schlüter griff zum Telefonhörer und rief bei ihr im Büro an:
Tuuut – Tuuut – Tuuut – Tuuut ...
Merkwürdig, sie hatte schon Feierabend gemacht – dachte er. In ihm wuchs der Gedanke, mit Jessy über den Streit reden zu müssen, und der beste Ort für so eine Aussprache war die eigene Wohnung ... aber es musste ja nicht sofort sein, sollte sie ruhig ein wenig auf ihn warten. Pah! Er wählte die Nummer seiner Mutter:
Tuuut – Tuuut – Tuuut – Tuuut ...
Auch sie war schon weg. Merkwürdig.
Mit einem eigenartigen Gefühl in der Magengegend zog Oliver Schlüter seinen Mantel über und ging nach unten.
An einem Schreibtisch neben dem Eingang saß Jaroslaw Gwiazda, der Pförtner. Der Enkelsohn polnisch stämmiger Einwanderer war um die vierzig und gepflegt, er sprach ein akzentfreies Hochdeutsch. Zu Ehren des Emscher-Merkurs hatte er sich in einen grauen Anzug gezwängt, dazu trug er ein weißes Hemd und eine dunkelrote Krawatte. Als er den Juniorchef entdeckte, sprang er sofort von seinem Stuhl auf.
Oliver Schlüter lachte ihn von der anderen Seite des Schreibtisches an: “Ist meine Mutter schon lange weg?”
Der andere blickte ihn überrascht an: “Weiß nicht.” Dann überlegte er einen Moment, schließlich sagte er mit einer Mischung aus Höflichkeit und Diensteifer: “Ich glaube, es ist jetzt eine halbe Stunde her. Da ist die Regentin aus dem Haus gesputet, wenn Sie wissen, was ich meine. Hastig gegangen.” Er lächelte seinen Chef an.
Oliver Schlüter lächelte nicht zurück. “Gesputet? Wo ist sie denn hin gesputet?”
“Keine Ahnung”, reagierte Jaroslaw Gwiazda, wobei er ihn nachdenklich musterte. “Ich glaube, sie ist zum Parkplatz gerannt.”
Oliver Schlüter blickte den Mitarbeiter argwöhnisch an:
“Tatsächlich?” Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich dem Hinterausgang zu. Es sollte alles entspannt und locker sein, aber seine Hände zitterten. In Gedanken hatte er die Worte „Oliver, du hast dich verändert” hundertmal wiederholt und jedes Mal war der Satz boshafter geworden.
So ging er zu seinem BMW M6 Coupé, stieg ein und brauste über die Wiescherstaße am Evangelischen Krankenhaus vorbei, als im Radio Bässe zu der klanglichen Patina namens Freddy Quinn rabaukten. Gute Güte! Wahllos schlägt das Schicksal zu, heute ich und morgen du .... Schmerzhafte Schlagerweisheiten, dachte er und drehte das Radio ab. Jetzt kam der Stadtteil näher, der in Herne als Constantin durchging und nun unter einem Himmel mit aufkommenden Regenwolken lag.
Der Name Constantin erinnerte an eine längst stillgelegte Zeche, die wiederum einen römischen Kaiser aus dem vierten Jahrhundert n. Chr. geehrt hatte. Früher hatten im Schatten der Schächte 4/5 und 11 (die übrigen Schächte befanden sich in der Nachbarstadt Bochum) nur Bergmannsfamilien in großen Mietshäusern gewohnt, die der Architekt der Berliner Mauer geplant hatte. Wie dem auch sei, heute hatte der Stadtteil (er gehörte zum Stadtbezirk Sodingen) seine Blütezeit längst hinter sich. Zwar gab es noch eine Kneipe (mit einem Wirt) und eine Kirche (ohne eigenen Pfarrer), aber ein Supermarkt für Lebensmittel fehlte. Einmal in der Woche kam ein Kleinlaster mit Lebensmitteln nach Constantin, an anderen Tagen ein Kartoffelhändler oder ein Bäcker. So konnte wenigstens das Schlimmste verhindert werden. Trotzdem hörte sich alles etwas trist an, aber nur theoretisch. Praktisch hatte Constantin einiges zu bieten: Zwei Trinkhallen, eine Galerie, eine Poststelle, den Sparkassenautomaten, einen Friseur – solche Dinge eben. Für manche Herner war der Revierpark Gysenberg so etwas wie der Heilige Gral, genau genommen hatte er nur das, was man von einem Revierpark auch erwarten kann: Eissporthalle, Wellenbad, Freizeithaus – nicht ganz so spektakulär wie die Sieben Weltwunder, oder etwa doch? Na gut, der Revierpark Gysenberg lag nicht direkt in Constantin, sondern im benachbarten Sodingen – aber immerhin. Hinter vorgehaltener Hand wurde neuerdings die Botschaft verbreitet, dass wegen des Freizeitparks die Lebenserwartung der Constantiner längst die der Bewohner der Sahelzone in Afrika in den Schatten gestellt hätten, und sie nun Witten ins Abseits drängen wollten. Ja, ja, die Constantiner …

Ihr Stadtteil sah längst nicht mehr wie eine hässliche Bergarbeitersiedlung aus dem Faller-Katalog aus, Constantin hatte sich mächtig verändert: Wo früher einmal der Pütt stand, drängten sich heute schmucke Mehrfamilienhäuser. Die alten Mietskasernen – teilweise sogar noch mit einem Schuppen dahinter – hatte man nicht abgerissen. Sie waren von Privatleuten erworben und kräftig saniert worden. Eines dieser Häuser – ohne Schuppen dahinter – hatte vor zwei Jahren das junge Ehepaar Schlüter gekauft.
Seine Kehle war jetzt trocken, er brauchte was zu trinken. Ein Bier. Nun hätte er sogar ein warmes genommen. Aber er traute sich nicht, irgendwo – vielleicht im Haus Voss an der Mülhauser Strasse - ein Bier zu trinken. Jessy war der einzige Mensch, den er kannte, der Antialkoholiker war und schon beim Geruch der kleinsten Alkoholfahne auf die Palme ging. Davon abgesehen, waren die meisten Geschäfte schon geschlossen. Er wusste nicht genau, was ihn zuhause erwartete, doch das, was er nun sah, verunsicherte ihn noch mehr. Im Haus brannte Licht – stellte Oliver fest, als er auf der gegenüberliegenden Seite der Kronenstraße seinen Wagen stoppte. Das konnte ihm seine Besorgnis nicht nehmen. Vorhin auf der Heimfahrt hatte er die Bilder vom Gespräch mit seiner Mutter im Kopf gehabt, aber jetzt dachte er an die nächsten Minuten und kriegte Angst: Jessy war schon da – warum? Würde der Zoff weitergehen? Die Ungewissheit brachte sein Herz zum Rasen. “Reiß dich zusammen”, sagte er zu sich selbst und öffnete die Autotür. Als ein Mann aus seinem Haus kam, zog er sofort wieder die Tür zu. Erst als der Unbekannte verschwunden war, öffnete er sie wieder. Es empfing ihn ein schneidender, unberechenbarer Wind. Es war so kalt, dass ihm die Zähne klapperten. Egal, er musste rüber gehen. Oliver Schlüter ging mit gemischten Gefühlen. Einerseits freute er sich auf Jessy. Andererseits hatte er Angst vor dem Zusammentreffen. Es wäre bestimmt am einfachsten, so zu tun, als hätte es nie den Zoff gegeben – dachte er. Sein Vater hatte stets die Wirklichkeit verdrängen können. Aber bei ihm wollte das nicht klappen. Und sofort dachte er jetzt schon wieder an die Szene heute Morgen. Ihr Gesichtsausdruck war das Schlimmste gewesen. Und sofort wusste er, dass er nicht neu war. Schon seit einigen Monaten hatte sie ihn. Vielleicht gab es doch einen anderen Mann. Auf der anderen Straßenseite überließ er das Wetter seinem Schicksal und ging zu seiner Wohnstatt. Vorsichtshalber machte er im Flur die Beleuchtung nicht an. Aber das Restlicht, das durch die Fenster kam, reichte kaum aus. Zwar nahm er an, dass in den übrigen Wohnungen niemand war, aber ihm war nicht nach Leuten, die Licht im Hausflur bemerkten, rauskamen und ihren Vermieter in ein Gespräch verwickelten. Also tastete er sich langsam die Treppen hinauf und rief nach ihr. Keine Antwort. Er rief noch einmal ihren Namen. Wieder vergeblich. Oliver Schlüter ging nervös zu Tür, er schien auf alles vorbereitet zu sein. Bloß nicht auf das, was ihn drinnen erwartete.

(…)

Ihm war speiübel, als er wach wurde. Sein Kopf tat ihm weh, sein Oberkörper, seine Beine – alles. Und er war schrecklich müde. Bei der Vorstellung, gleich würde wieder alles von neuem beginnen, ließ er sein Haupt zurücksinken und fiel in einen Sekundenschlaf. Als Nächstes spürte er, dass seine Hände bebten, und er drückte sie fest gegen das, auf dem sie lagen. Schließlich ließ das Zittern nach, trotzdem war er noch nicht bereit, die Augen zu öffnen. „Mein Gott, was ist mit Ihnen los? Ist Ihnen was passiert?” Er spürte, wie Atem sein Gesicht kitzelte. Mit einem Ruck riss er seine Augen auf – und blickte in ein Gesicht über ihm, das starr und entsetzt wirkte. Es war das Gesicht einer Frau, die aussah, als befürchte sie jede Sekunde einen Angriff. „Sagen Sie doch was. Bitte”, flehte sie. In ihrer Stimme hörte er die seiner Tochter widerhallen.
„Hallo”, stöhnte er und schüttelte den Kopf wie jemand, der ins falsche Kino gegangen war und sich seinem Schicksal ergab: „Ich bin okay.” … Wer war die Frau? Gütiger Himmel! Wo war er überhaupt? Der Mann musterte die Frau: Sie war bestimmt 40 Jahre alt, vielleicht einssiebzig lang und gut und gerne 80 Kilo schwer. Ihr schwarzes Haar war von grauen Strähnen durchsetzt und extrem kurz geschnitten, und um Augen und Mund waren tiefe Falten gegraben. Zwar spielte das Make-up die Fülle ihrer Lippen herunter, aber eine Schönheit war sie trotzdem nicht, auch wenn ihr Gesicht einen intelligenten Eindruck machte. Was wollte sie von ihm? Er schloss die Augen, um die aufkommende Panik unter Kontrolle zu bringen. Dass er nervös war, war nicht verwunderlich. Er spürte jetzt sogar das Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Zum Glück war aber der Schmerz nicht mehr annähernd so stark wie vorhin. Nach ein paar Sekunden zuckte sein Kopf und er riss die Augen wieder auf: Die Frau beugte sich noch immer über ihn: „Nicht wieder einschlafen.” Er schüttelte den Kopf: „Bestimmt nicht!” Wenn er einen Fehler hatte – in seinem Beruf konnte man das kaum als Fehler bezeichnen, eher im Gegenteil – dann war es die Neugier. Also fragte er: „Sind Sie … ein Engel?” „Was meinen Sie?”, sagte sie und beantwortete die Frage gleich selbst: „Hören Sie”, begann sie, „Sie sind gestorben und jetzt im Himmel.” Dann stand sie auf und wollte gehen.
„Warten Sie. Bitte. Bleiben Sie.” Der Gedanke, jetzt verlassen zu werden, machte ihn noch ängstlicher.
Sie setzte sich wieder.
So ungewöhnlich war das nicht mit dem Himmel, sah man mal davon ab, dass dieser Engel Jeans und einen Rollkragenpullover trug. Er warf ihr einen skeptischen Blick zu, erwiderte nichts und schaute sich um. Und als er registrierte, wo er sich wirklich befand, nämlich am Arsch der Welt, wünschte er sich fast, wirklich im Himmel zu sein. Er hatte sich schon oft gefragt, was er in solch einer Situation machen würde. Jetzt wusste er es: Nichts.

(…)

Es war schon merkwürdig – es ist immer schon merkwürdig gewesen – welche Folgen richtiger Frust hat: Verunsicherung, Angst und sogar totale Resignation. Hätte man den Mann im anthrazitfarbenen Mantel, der jetzt den Bahnsteig hoch und runter lief, noch heute Morgen gefragt, wie er gewöhnlich mit einer Abfuhr umgeht, wäre seine Antwort bestimmt gewesen, dass er kräftig einen heben würde, um alles ganz schnell zu vergessen. Aber nun befahl ihm sein Hirn, endlich einen Schlussstrich zu ziehen. Je länger er darüber nachdachte, desto klarer wurde es ihm. Nur wenige Leute standen am Gleis 3 vom Herner Bahnhof herum und warteten auf die S-Bahn nach Dortmund: Einige lasen in der Zeitung, ein Junge nippte an seinem Kaffee. Einige von ihnen bemerkten das fröhliche Gesicht des Mannes, doch niemand vermutete hinter der Fassade eine todtraurige Wahrheit.
Er hatte einen schrecklichen Plan, den niemand wissen sollte.
Als er den einen Kilometer zum Bahnhof gegangen war, hatte er das Gefühl gehabt, an jeder Ecke würde er durch eine Falltür stürzen. Und bevor er vorhin die breite Steintreppe zum Bahnsteig hochgegangen war, hatte er sich unten an ein Plakat gelehnt und an verschiedene Dinge gedacht. Vor allem hatte er an sein Leben gedacht und an die letzten Stunden dieses Tages. Nein, er hatte nichts Falsches gesagt. Sollte er zurückgehen? Das Problem war, dass er sich zwar den ersten Teil – einfach zurückzugehen – vorstellen konnte, aber was kam dann? Wohin sollte er gehen? Wie sollte er künftig mit Frust umgehen? Was würde seine Mutter sagen, wenn sie einmal von seinem Vorhaben erführe, das er nicht in die Tat umgesetzt hatte? Sie würde ihn für einen totalen Versager halten. Er fühlt sich oft von ihr wie ein geistig Minderbemittelter behandelt. Und bald würde sie bestimmt auf Material stoßen, das ihn zu Fall bringen und vernichten konnte.
Das Pendel seines Lebens schaukelte schon seit langem nur noch zwischen geht so und erträglich hin und her. Am liebsten hätte er Rotz und Wasser geheult wie ein kleiner Junge. Im Grunde genommen, dachte er, bin ich nutzlos, ein Loser, ein Nichts! Aber ohne Selbstachtung, ohne Stolz wollte und konnte er nicht mehr weiterleben. Einen kurzen Moment waren ihm sogar Selbstzweifel gekommen, ob er wirklich genug Mut besitzen würde. Dieser Gedanke hatte ihn nicht ruhiger werden lassen – im Gegenteil. Es gab nur einen Ausweg: Er musste es tun. Und so war er entschlossen mit den anderen Reisenden hochgegangen.
Ja, wenigstens einmal musste er Verantwortung tragen!
Der haltende Zug nach Dortmund riss ihn kurz darauf aus seinen Gedanken. Einige trüb vor sich hin blickende Leute stiegen aus den roten Waggons und verschwanden nach unten, die auf dem Bahnsteig wartenden Leute stiegen ein und sofort schlossen sich die Türen. Was soll’s, dachten sie beim Blick des freundlich guckenden Einzelgängers, irgendeinen Zug wird er schon nehmen. Dann war ein piepsendes Geräusch zu hören und die Türen schlossen sich wieder. Als die S-Bahn endlich abgefahren war, verschwand sofort das Lachen aus seinem Gesicht. Er guckte grimmig und schimpfte ohne Punkt und Komma. Alle Leute, die er kannte, verfluchte er – und am meisten sich selbst. Er hätte noch einige Minuten so weitergeflucht, wenn nicht plötzlich eine weibliche Computerstimme aus dem Lautsprecher gedrungen wäre:
„Achtung am Gleis 1. Eine Lokomotive fährt durch.” Die Ansage trieb den Puls des Mannes in die Höhe. Er war verschwitzt und durchgefroren zugleich. Zwar löste sich in den nächsten Sekunden der eiskalte Klumpen in seinem Bauch auf, aber er musste sich zusammenreißen, um nicht abzuhauen – bis auf den heulenden Wind hörte man keine Geräusche.
Nur eines.
Immer wieder knackte er nervös mit den Fingern und streifte dann mit seinem Blick die Uhr. Es war genau 21:34 Uhr, als das Schicksal ein neues Thema anschlug: Der Mann atmete tief durch und ging zu der Seite des Bahnsteigs, an der die Züge in Richtung Duisburg hielten: Erst langsam, dann schnell, die letzten Meter sogar rasend – und es schien so unwillkürlich zu geschehen wie sein Herzschlag, der jetzt in seinen Ohren dröhnte. An der Bahnsteigkante kniff er die Augen zusammen und hoffte, im Dunkeln der Nacht etwas zu sehen. Gefühlte zwei Stunden später (in Wirklichkeit waren es höchstens zwei Minuten) sah er etwas: Am Horizont tauchten die Lichter einer Lok auf. Immer schneller kam sie näher… und näher.
Er hatte noch ein paar Sekunden – wenn überhaupt.
Bevor er den Mut verlor, schloss er die Augen und sprang auf das Gleis 1, mit dem Knie schlug er auf eine Schiene und spürte höllische Schmerzen. In diesem Moment bemerkte der Lokführer den Selbstmörder. Er zog die Bremse, ein Warnsignal ertönte, das wie die Hupe eines Autos klang, nur viel lauter. Die Räder kreischten über die Gleise - direkt auf den Mann zu.
Und die Lokomotive konnte nicht mehr rechtzeitig stoppen. Sekunden bevor ihn das Elektroross erfasste, blickte er noch einmal hoch, sah dem Tod in die funkelnden Augen, und seine Lippen formten ein stolzes Lächeln.